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"Du wirst überleben und erzählen, was mit uns geschehen ist." Diese Worte ihrer Mutter im Konzentrationslager Auschwitz haben Erna de Vries ihr Leben lang begleitet. Sie sind der 85jährigen Jüdin aus Lathen Verpflichtung bei den Lebensbilderabenden im Marstall davon zu erzählen. Nicht als "Rache, Vergeltung und Abrechnung mit der Vergangenheit", sondern als "Mahnung und Hoffnung auf eine friedliche Zukunft". Wer einen solchen Lebensbilderabend in der Jugendbildungsstätte besucht hat, steht entsetzt und fassungslos vor der menschenverachtenden Leugnung des "Holocaust" dieser Tage.
Es sind solche Erfahrungen die den verstorbenen Papst Johannes Paul II dazu bewegt haben, unmissverständlich festzustellen, dass es in der katholischen Kirche keine Judenmission mehr geben darf. In der unmittelbaren Nachbarschaft von Auschwitz aufgewachsen, kann es für ihn nach Auschwitz keine Ökumene mehr ohne die Juden, ohne seine "älteren Schwestern und Brüder im Glauben" geben. Es wäre für die ganze katholische Kirche heilsam, anzuerkennen, dass die Juden auch ohne Jesus in den Zustand der Gnade kommen, wir Christen aber eben nicht mehr ohne die Juden. Denn der Himmel ohne die Juden, aber mit Antisemiten wäre die Hölle und Judenmission Sünde.
Dass wir aber noch lange nicht im Himmel sind, müssen wir in diesen Tagen schmerzlich feststellen, in denen der Antisemitismus mit der Leugnung der Shoah und dem Aufruf zur Judenmission wieder schreckliche Blüten trägt. Um solchen Tendenzen zu begegnen, verurteilt das deutsche Strafgesetzbuch die Leugnung der Shoah als Straftat. Für das kirchliche Recht steht eine solche rechtskräftige Verurteilung für den Aufruf zur Judenmission noch aus.
Wir sprechen in der Jugendbildungsstätte in diesen Tagen mit vielen Menschen über die kaum zu ertragenden Dummheiten dieser Tage und stellen fest: Wer hier keine Kritik übt, ist nicht katholisch – ist jedenfalls nicht loyal gegenüber der katholischen Kirche. Denn es gibt eben auch einen "Widerspruch aus Loyalität". Nur so können Katholiken in diesen Tagen im Hochgebet ihre "Einheit mit dem Papst, unserem Bischof und allen Bischöfen" noch überzeugend aussprechen.
Und manchmal stellt jemand sogar die Frage: Wo um Himmelswillen ist in solchen Tagen Gott? Oder hat er die Menschen längst sich selbst überlassen und wohnt nun in einem anderen Winkel des Universums, so fern, dass seine Boten uns nicht einmal mehr erreichen können? Auf diese Frage antwortet eine Parabel aus der jüdischen Tradition: "In einem elenden Dorf in Mittelpolen stand eine kleine Synagoge. Als der Rabbi eines Abends durchs Dorf ging, traf er in der Synagoge ein und sah Gott in einer dunklen Ecke sitzen. Er fiel auf sein Angesicht und rief: 'Herr Gott, was tust du hier?' Gott antwortete ihm weder mit Donner noch im Wirbelwind, sondern mit einer kleinen Stimme: 'Ich bin müde, Rabbi, ich bin auf den Tod müde.'" |