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Christliche Spiritualität
Es gibt ein Bild, das eine Vorstellung von Spiritualität auf den Punkt bringt, die heute weit verbreitet ist und den Zugang zur christlichen Spiritualität dramatisch verstellt. Sie will den Menschen mit dem Bild eines Hurrikans zur Mitte, zur Ruhe und zu sich selbst führen, denn im Auge eines Hurrikans könne ein kleines Kind schlafen, so die These. Christliche Spiritualität ist das genaue Gegenteil. Sie kann die Augen nicht schließen, angesichts der Katastrophe des Nachbarn, dem gerade das Dach über'm Kopf wegfliegt. Sie kann sich nicht mit dem Rücken zu dem Leiden zur Ruhe legen. Dieses Auge, diese Mitte führt zu nichts (niente), solange Menschen am Rand eine einzige Katastrophe sehen. Christliche Spiritualität ist deswegen eine Mystik mit geöffneten Augen, die sich nicht in spiritueller Versenkung übt, sondern mitfühlend den Leidenden in den Blick nimmt, eine Wahrnehmung fremden Leids, die uns nicht unberührt lässt, ein gelebter Ausdruck dessen, dass es überhaupt kein Leid gibt, das uns nicht angeht. Solche Aufmerksamkeit ist das natürliche Gebet der Seele. Spirituelle Menschen der Zukunft werden aufmerksame, empfindsame und engagierte Menschen sein, sensibel und hellhörig, mit Augen für die fremden anderen und besonders für die Leidenden, die immer erfolgreicher aus dem Blickfeld unserer Wahrnehmung gedrängt werden, weil sie stören.
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Miefiges Klima begünstigt Missbrauch
In einem unfreien und undurchsichtigen Klima wird Missbrauch von Macht begünstigt, sagt Bischof Bode. Deshalb brauchen wir ein Klima der Offenheit, der Transparenz und der Dialogbereitschaft, damit Kirche nicht zu einem geschlossenen System wird, das sich nur noch um sich selbst dreht. Zu lange schon hat sie sich Bewältigungsstrategien ausgedacht, anstatt auf die Opfer zu hören. Zu lange schon war sie dabei nur auf ihre eigene Sicherheit bedacht, anstatt Sicherheit für die Opfer herzustellen. Zu lange schon war sie zu sehr auf die Täter und das Ansehen der Kirche fixiert und hat deshalb das Leiden der Opfer gar nicht erst wahrgenommen. Wer aber das Leid der Opfer wahrnimmt, denkt sich nicht sofort neue Handlungsstrategien aus. Wer das Leid anderer wahrnimmt, nimmt die Verletzung eigener Gewissheiten in Kauf. Wer das Leid anderer wahrnimmt, kann sich nicht hinter seiner Profession verstecken oder "Emotionen raus nehmen". Emotionen sind Signale dafür, dass etwas nicht stimmt mit unserem Denken, dass etwas nicht stimmt mit unserem System. Wenn wir aber das System öffnen und auf die Ausgeschlossenen, auf die Opfer, auf die Leidenden hören, kommen sensiblen Menschen die Tränen. Solche Tränen heute zu vergießen könnte die Welt von morgen besser machen.
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