"Das unruhige Herz ist die Wurzel der Pilgerschaft. Im Menschen lebt eine Sehnsucht, die ihn hinaustreibt aus dem Einerlei des Alltags und aus der Enge seiner gewohnten Umgebung. Immer lockt ihn das Andere, das Fremde. Doch alles Neue, das er unterwegs sieht und erlebt, kann ihn niemals ganz erfüllen. Seine Sehnsucht ist größer. Im Grunde seines Herzens sucht er ruhelos den ganz Anderen, und alle Wege, zu denen der Mensch aufbricht, zeigt ihm an, dass sein ganzes Leben ein Weg ist, ein Pilgerweg zu Gott." (Augustinus)
Pilgern hat heute wieder Konjunktur. Doch die Figur des Pilgers ist keine moderne Erfindung; sie ist so alt wie das Christentum. Für den Pilger liegt die Wahrheit andernorts, der Sinn des Lebens anderswo, der wahre Ort immer ein Stück weit und eine Weile entfernt von seinem Weg. Wo immer der Pilger gerade sein mag, er ist nicht da, wo er sein sollte, und nicht dort, wo er zu sein träumt. Für ihn haben Straßen und Wege einen Sinn, nicht Häuser und Passagen; weil sie in Versuchung führen, sich einzurichten, das Ziel zu vergessen und es auf unbestimmte Zeit zu vertagen.
Vielleicht ist unser Leben ja eine Pilgerreise, aber es ist kein Spaziergang. Denn der Spaziergang durch unsere modernen Einkaufspassagen übt "Begegnung als 'Vergegnung'", bei dem man bummelt, während man einkauft und einkauft, während man bummelt. Die Kaufleute entdecken die Attraktivität und die verführerische Macht dieser Spaziergewohnheiten und setzen alles daran, sie zu einem Bestandteil unseres Lebens zu machen. Der Pilger dagegen lebt vom Anderen her, von Geschichten, von Verheißungen, die ihn an keinen Ort fesseln, sondern "bewegen". Für den Pilger ist alles wirkliche Leben Begegnung.
Im Marstall erleben wir nicht nur an Pfingsten, dass gerade junge Menschen solche Begegnungen brauchen; dass sie Verheißungen brauchen, die den christlichen Glauben als Wagnis zum Aufbruch begreifen; dass sie Menschen brauchen, die den Sinn für die alternativen Möglichkeiten des Lebens wecken, die bereit sind, zu erzählen, was sie hält und was sie trägt, ohne anderen ihre Überzeugungen aufzudrängen, die einladen, so zusammen zu leben, dass es möglich wird, ohne Angst verschieden zu sein.
Ein herausforderndes und ermutigendes Pfingstfest
wünsche ich mit allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern
der Jugendbildungsstätte Marstall Clemenswerth
Michael Strodt |